Den Einflusskreis zurückgewinnen bei der Stellensuche
Wer nach Jahren der Verantwortung wieder sucht, prüft zwanzig Mal am Tag das Postfach. Coveys Einflusskreis und drei klare Achsen aus Gehaltspaket, Ort und Inhalt geben den Boden zurück.

In meiner Arbeit begegnet mir derzeit ein Anliegen besonders häufig. Führungskräfte, die nach Jahren der Verantwortung wieder auf der Suche sind, häufig im Zuge von Personalabbau, in einem Markt, der spürbar enger geworden ist. Die Suche zieht sich, und sie zehrt. Wer das erlebt, kennt die kleine Geste, die sich einschleicht: der Blick ins Postfach, zwanzig Mal am Tag, ob auf eine der offenen Bewerbungen endlich eine Antwort gekommen ist oder ob die zugesagte Rückmeldung nun eintrifft.
Der vertraute Griff zum Postfach
Diese Geste ist zutiefst verständlich. Sie ist der Versuch, in einer Lage ohne viel Kontrolle ein Stück Kontrolle zurückzuholen. Ihr Ziel liegt allerdings außerhalb der eigenen Reichweite. Ob ein Unternehmen reagiert, wann und in welcher Form, das entzieht sich dem eigenen Zutun vollständig. Stephen Covey hat dafür ein klärendes Bild geprägt. Um uns herum liegt ein weiter Sorgenkreis mit allem, was uns beschäftigt, und darin ein kleinerer Einflusskreis mit dem, worauf wir tatsächlich wirken können. Je mehr Kraft in den Sorgenkreis fließt, desto kleiner fühlt sich der Einflusskreis an. Das wiederholte Prüfen des Postfachs ist reine Arbeit im Sorgenkreis. Es kostet Energie und gibt nichts zurück.
Drei Achsen, drei Freiheitsgrade
Die ruhigere und zugleich wirksamere Bewegung führt nach innen, in den Einflusskreis. Dort wartet die eigentliche Arbeit, und sie hat eine klare Gestalt. Eine neue Aufgabe entscheidet sich entlang dreier Achsen: dem Gehaltspaket aus Vergütung und Konditionen, dem Ort und dem Inhalt, also der eigentlichen Herausforderung. Je enger man alle drei gleichzeitig hält, desto kleiner wird die Menge dessen, was überhaupt möglich ist. Die entscheidende Frage lautet deshalb, in welcher Achse man Freiheitsgrade zulässt. Ist Pendeln oder ein Umzug vorstellbar? Käme ein Branchenwechsel oder die Selbständigkeit infrage? Wie viel weniger Einkommen wäre tragbar, ohne dass die eigenen Verpflichtungen ins Wanken geraten?

Was die Pyramide nicht mehr trägt
Diese drei Achsen entsprechen ungefähr drei Ebenen menschlicher Bedürfnisse, wie Abraham Maslow sie beschrieben hat. Das Gehaltspaket berührt die materielle Sicherheit, der Ort die Zugehörigkeit, der Inhalt das Streben nach Wirksamkeit und Entfaltung. Die bekannte Pyramide legt nahe, dass die unteren Stufen gesichert sein müssen, bevor die oberen zählen dürfen. Genau das hält die neuere Forschung nicht mehr. Eine groß angelegte Untersuchung von Louis Tay und Ed Diener über 123 Länder und mehr als sechzigtausend Menschen bestätigte zwar, dass es diese Bedürfnisse gibt, widerlegte aber ihre starre Reihenfolge. Menschen erleben Zugehörigkeit und Sinn auch dann, wenn ihre materielle Lage angespannt ist, etwa wer mit schmalem Einkommen lebt und die eigene Arbeit dennoch als zutiefst stimmig empfindet. Auch Maslow selbst hat die starre Pyramide nie so gezeichnet, sie ist eine spätere Vereinfachung. Das Gehaltspaket bleibt dabei wichtig, materielle Sicherheit trägt ihren eigenen Teil zum Wohlbefinden bei. Sie muss aber nicht vollständig sein, damit der Inhalt einer Aufgabe einen wirklich erfüllt. Die Vorstellung, man müsse beim Geld erst ganz oben stehen, bevor der Inhalt zählen darf, ist damit weniger ein Naturgesetz als ein gut sitzender Mythos. Wer dem nachgehen möchte, findet die Studie bei Tay und Diener (2011) und eine hörenswerte Aufbereitung in der Folge „Die falsche Pyramide" des Podcasts „Betreutes Fühlen".
Grenzen, die fester scheinen, als sie sind
Genau hier beginnt die eigentliche Arbeit, die über gewöhnliche Bewerbungstaktik hinausreicht. Wenn schon die vermeintlich feste Reihenfolge der Bedürfnisse nur ein Mythos ist, dann verdienen auch die anderen Grenzen, die man sich in den drei Achsen setzt, denselben prüfenden Blick. Viele von ihnen sind fester geglaubt, als sie wirklich sind. „Weniger verdienen geht nicht" oder „ein Umzug kommt nicht infrage" klingen wie harte Tatsachen und sind doch oft geerbte Annahmen, die nie überprüft wurden. Jede vermeintliche Grenze einmal ehrlich zu befragen, ob sie real ist oder nur vertraut, weitet den Suchraum oft mehr als jede zusätzliche Bewerbung. Besonders die eigenen Verpflichtungen verdienen diesen Blick. Solange die Fixkosten als unverrückbar gelten, wirkt das Gehaltspaket wie eine Mauer. Sobald man sie befragt, entsteht dort manchmal mehr Spielraum als in den beiden anderen Achsen zusammen.
Wieder Boden unter den Füßen
Das ist der Kern. Den Markt steuert niemand. Wer reagiert und wann, bleibt außen. Im Einflusskreis dagegen liegt alles, was zählt: welche Filter man setzt, welche Annahmen man prüft, worauf man die Aufmerksamkeit des Tages richtet. Wer seine Energie dorthin lenkt, gewinnt etwas zurück, das die Suche leichter macht. Klarheit über die eigenen Spielräume, und eine ruhigere Mitte, aus der heraus die nächste Entscheidung fällt.
Wenn Sie selbst gerade in einer beruflichen Neuorientierung stehen und an Ihren drei Achsen arbeiten möchten, finden Sie auf der Seite Executive Coaching bei festgefahrenen Führungssituationen eine ausführlichere Beschreibung meiner Arbeit. Ein kostenfreies Orientierungsgespräch lässt sich unkompliziert hier vereinbaren.
Weiterführendes
- FranklinCovey: Habit 1 – Be Proactive (Circle of Influence) – Offizielle Quelle zum Modell von Stephen R. Covey.
- Tay, L. & Diener, E. (2011): Needs and Subjective Well-Being Around the World – Die Studie über 123 Länder, die die starre Reihenfolge der Maslow-Pyramide empirisch entkräftet.
- Betreutes Fühlen: „Die falsche Pyramide" – Hörenswerte Aufbereitung der Tay/Diener-Befunde im Podcast von Atze Schröder und Leon Windscheid.
- Wenn der Job wackelt: Circle of Influence – Das Modell aus einer anderen Perspektive: zwischen Jobangst und Trennungsgespräch.
- Maslow-Hammer im Werkzeugkoffer – Warum ein einzelnes Modell nie reicht, um eine berufliche Lage vollständig zu verstehen.
Häufige Fragen
- Was ist der Einflusskreis nach Stephen Covey?
- Stephen Covey unterscheidet in „The 7 Habits of Highly Effective People" (1989) zwei Kreise. Der Sorgenkreis umfasst alles, was uns beschäftigt, aber außerhalb unserer Reichweite liegt. Der Einflusskreis umfasst das, worauf wir tatsächlich wirken können. Wer Energie in den Einflusskreis lenkt, gewinnt Handlungsfähigkeit zurück.
- Wie behält man bei einer langen Stellensuche Handlungsfähigkeit?
- Indem man bewusst trennt zwischen dem, was man nicht steuern kann (Reaktionszeiten von Unternehmen, Marktlage), und dem, was im eigenen Einfluss liegt: die Filter, die man setzt, die Annahmen, die man prüft, die Freiheitsgrade in Gehaltspaket, Ort und Inhalt einer neuen Aufgabe.
- Stimmt die Reihenfolge der Maslow-Pyramide noch?
- Nein. Die Studie von Louis Tay und Ed Diener (2011) über 123 Länder und mehr als sechzigtausend Menschen bestätigt zwar die Bedürfnisse, widerlegt aber ihre starre Reihenfolge. Zugehörigkeit und Sinn werden auch bei angespannter materieller Lage erlebt. Maslow selbst hat die Pyramide nie so gezeichnet.
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