Mein Blick auf Führung
Über viele Jahre habe ich Unternehmen mit aufgebaut und Menschen geführt. Lange war ich überzeugt, dass eine gute Führungskraft vor allem eines beherrscht: Probleme früh erkennen und schnell selbst lösen. Mit wachsender Verantwortung wurde mir klar, wohin diese Stärke führt. Wer den Menschen ihre Probleme abnimmt, nimmt ihnen auch das, woran sie wachsen.
Heute beginne ich an einer anderen Stelle: erst verstehen, dann verstanden werden. Bevor eine Lösung trägt, gilt es, die Emotionen anzuerkennen, die in einem System wirken, denn sie sind oft der eigentliche Schlüssel. Diese Empathie, das aufrichtige Wahrnehmen dessen, was unter der Sachebene mitschwingt, hat meine Sicht auf Führung am stärksten verändert.
Führung heißt für mich seitdem, Verantwortung dort zu lassen, wo sie wirkt, beim Menschen, der sie trägt, und ihn auf dem Weg zur eigenen Lösung zu begleiten. Die folgenden zwölf Prinzipien sind aus diesem Weg gewachsen, aus eigener Führungserfahrung und aus der Arbeit mit Führungskräften.
I. Haltung
01Die Verantwortung bleibt beim Gegenüber.
Gute Führung löst nicht die Probleme anderer, sie lässt sie dort, wo sie hingehören, und unterstützt bei der Lösung. Wer ein Problem an sich zieht, nimmt dem Gegenüber die Wirksamkeit. Die Aufgabe ist, beim Anderen zu halten, was beim Anderen wächst.
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02Wirksamkeit entsteht im Einflusskreis, nicht im Sorgenkreis.
Energie, die in das fließt, was man nicht beeinflussen kann, ist verloren. Handlungsfähigkeit kehrt in dem Moment zurück, in dem der Blick auf den eigenen Einflusskreis fällt. Das gilt bei Jobunsicherheit genauso wie in der Konzernkarriere.
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03Authentizität schlägt Fassade.
Was andere an uns sehen und wir selbst nicht, entscheidet über Wirkung mehr als jede Strategie. Eine Fassade kostet auf Dauer mehr Kraft, als sie schützt. Der härteste Hebel guter Führung ist, die blinden Flecken kleiner werden zu lassen.
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04Führung erfordert Mut und innere Unabhängigkeit.
Eine ambitionierte Zahl offen auf den Tisch zu legen, ist selten ein Risiko für die Organisation. Es ist eines für die Person, die führt, und genau darin liegt seine Wirkung. Mut zeigt sich dort, wo man selbst etwas riskiert, nicht andere.
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II. Führungshandwerk
05Kein Fortschritt auf der Sachebene, wenn Emotionen im Weg stehen.
Verhärtete Fronten lösen sich eine Ebene unter den Argumenten. Eine Reaktion, die zu groß ist für den Anlass, zeigt auf etwas Älteres. Führung wirkt da, wo sie unter die sichtbare Ebene schaut.
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06Die Sekunde vor der Reaktion ist der Hebel.
Zwischen Ereignis und Antwort liegt ein kurzer Moment, in dem geprüft wird, ob die Antwort wirklich trägt. In der Beschleunigung verschwindet dieser Moment zuerst. Ihn bewusst zurückzuholen sieht aus wie Langsamkeit und ist doch Führung.
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07Nicht zu entscheiden kann die reife Entscheidung sein.
Nicht jede Situation verlangt eine Lösung. Manche verlangen, sie auszuhalten, bis sie klar wird. In einer Kultur der Geschwindigkeit ist das Aushalten oft der schwierigere und der bessere Weg.
08Wo Zeitmanagement drauf steht, ist Prioritätsmanagement drin.
Wer alles parallel anschiebt, blockiert seinen eigenen Engpass. Schiffe nacheinander einlaufen zu lassen verlangt mehr Mut als ständige Gleichzeitigkeit. Priorisierung ist eine der eigentlichen Führungsentscheidungen.
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III. Menschen & Entwicklung
09Erst die Menschen, dann die Strategie.
Vertrauen ist das unsichtbare Konto, von dem Führung lebt. Verlässlichkeit und Zuhören zahlen ein, gebrochene Zusagen heben ab. Wer bei der Strategie beginnt, baut auf einem Konto, das noch leer ist.
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10Entwicklung lässt sich nicht erzwingen, und Ehrenrunden sind Teil des Weges.
Alte Muster sind die Autobahn, neues Verhalten zunächst nur eine schmale Behelfsausfahrt. Unter Stress fährt man am neuen Weg vorbei, und das ist kein Scheitern. Wissen ist nicht Können, und Können braucht Wiederholung.
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11Purpose ist ein Führungsinstrument, kein Marketingbegriff.
Ein präzises Why gibt Orientierung in der Krise, filtert Entscheidungen und hält, wenn anderes wegbricht. Den eigenen Purpose nicht zu kennen, ist deshalb kein Marketing-, sondern ein Führungsproblem.
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12Nach oben ist nicht die einzige Richtung.
Der richtige Platz schlägt die höhere Stufe. Eine Beförderung auf die falsche Rolle kostet finanziell, im Unternehmen und zu Hause, und nur selten geht jemand zurück. Führung heißt auch, den passenden Platz höher zu werten als den höheren.
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Wie diese Haltung entstanden ist
Diese zwölf Prinzipien sind nicht am Schreibtisch entstanden, sondern aus über fünfzehn Jahren Führungserfahrung und über tausend Coaching-Stunden. Wer wissen möchte, wie ich zum Coach geworden bin, findet den biografischen Hintergrund hier.
Wo der rote Faden anfängt
Viele dieser Prinzipien sind nicht neu. Einige habe ich schon 2020 in kurzen Texten festgehalten, lange bevor daraus eine eigene Sammlung wurde. Gebündelt finden sie sich in meinem Buch „Peter mag keinen Frosch zum Frühstück": vom Einflusskreis über First who, then what und das Hafenmeisterprinzip bis zum Peter-Prinzip und Maslows Hammer.