Der Dienstagabend-Test
Wie viel Ihres Arbeitstags gehört wirklich Ihnen?
Der Dienstagabend-Test ist ein zehnminütiger Selbsttest für Führungskräfte. Er zeigt, wie viel fremde Verantwortung sich im Laufe eines normalen Arbeitstags auf dem eigenen Schreibtisch angesammelt hat.
Ein Werkzeug aus „Als Mensch führen“ von Thomas Knoop
Der Jakobsweg ist ein Pilgerweg, und eine niederländische Pilgerin nutzte das für eine Frage. Sie hatte mich beobachtet, wie ich gerade dabei war, ein fremdes Problem zu meinem zu machen, und fragte, ob wir hier nicht auf einem religiösen Weg unterwegs seien. Dann erinnerte sie an eines der Zehn Gebote, du sollst nicht stehlen, und erweiterte es um einen Halbsatz. Du sollst auch nicht die Probleme anderer stehlen, es sind schließlich ihre. Ich hatte mich bis zu diesem Abend für hilfsbereit gehalten.
Der Gedanke ist unbequem, weil er ein Verhalten beschreibt, für das Führungskräfte belohnt werden. Wer eine Verantwortung übernimmt, löst die Sache meist schneller und sauberer als der Mensch, dem sie gehört. Der Preis fällt an zwei Stellen an. Die Kompetenz, die hätte wachsen können, wächst nicht, und der eigene Tag füllt sich mit Aufgaben, für die eigentlich andere zuständig sind.
Der Dienstagabend-Test macht diesen zweiten Teil zählbar. Er dauert zehn Minuten, braucht ein Blatt Papier und lässt sich an jedem gewöhnlichen Wochentagabend durchführen. Ich empfehle den Dienstag: weit genug vom Wochenstart entfernt und noch nicht vom Freitag eingefärbt.
Erster Durchgang: Wer trägt die Verantwortung?
Schreiben Sie auf, womit Sie sich heute beschäftigt haben. Nicht die Termine, sondern die Themen, also das, worüber Sie tatsächlich nachgedacht, entschieden oder gesprochen haben. Zehn bis fünfzehn Einträge sind ein normaler Tag.
- 01
Themen notieren
Listen Sie die Themen des Tages auf, in beliebiger Reihenfolge. Ein Stichwort je Zeile genügt.
- 02
Verantwortung zuordnen
Stellen Sie zu jedem Thema zwei Fragen: Wer hat es eingebracht? Und wer müsste eigentlich den nächsten Schritt tun? Notieren Sie beide Namen. Die zweite Antwort ist die entscheidende.
- 03
Zählen
Zählen Sie die Zeilen, in denen der nächste Schritt eigentlich bei einem anderen Menschen liegt und trotzdem bei Ihnen gelandet ist.
Diese Zahl ist das Ergebnis des Dienstagabend-Tests. Dass viele Themen von anderen eingebracht wurden, ist dabei kein Befund, sondern Führung: Sich mit den Themen anderer Menschen zu beschäftigen, ist die Arbeit. Problematisch wird es erst, wenn dabei auch deren Verantwortung auf dem eigenen Schreibtisch bleibt. Genau diesen Übergang macht der Test sichtbar, den Punkt, an dem aus Unterstützung unbemerkt Verantwortungsübernahme wird.
Zweiter Durchgang: Was liegt in Ihrer Hand?
Nehmen Sie dieselbe Liste noch einmal, an einem der nächsten Abende. Diesmal interessiert die Zuständigkeit nicht mehr, sondern die Reichweite. Sortieren Sie jedes Thema danach, ob Sie darauf tatsächlich einwirken können oder ob Sie sich darüber lediglich Gedanken machen. Stephen Covey hat dafür die Bilder vom Einflusskreis und vom Sorgenkreis geprägt. Die Konjunktur, die Entscheidung eines Vorstands, das Verhalten eines Menschen, den Sie nicht führen, all das liegt im Sorgenkreis, macht Sorgen und bietet keinen Griff.
Bei jedem Thema, das in den Sorgenkreis fällt, hilft eine einzige Frage weiter: Was habe ich bisher getan, damit es besser wird? Wenn die Antwort eine Handlung enthält, gehört das Thema doch in Ihren Einflusskreis. Wenn die Antwort aus Nachdenken, Ärgern und Warten besteht, wissen Sie, wohin die Energie geflossen ist.
Zwei Fragen für den nächsten Tag
Der Dienstagabend-Test wirkt erst, wenn er den Tag danach verändert. Dafür genügen zwei Fragen.
Die erste stellen Sie sich selbst, sobald jemand mit einem Problem zu Ihnen kommt: Wessen Kompetenz wächst, wenn ich das jetzt löse? Die Antwort ist unbequem oft dieselbe.
Die zweite stellen Sie Ihrem Gegenüber, anstatt eine Lösung anzubieten: Was brauchst du von mir, um an dieser Stelle weiterzukommen? Sie werden erleben, dass die Antwort selten „die Lösung“ lautet. Meistens geht es um eine Freigabe, eine Information oder schlicht um Rückendeckung. Sie können sich intensiv mit dem Problem eines Mitarbeiters beschäftigen, ohne ihm die Verantwortung dafür abzunehmen.
Der Dienstagabend-Test macht zwei Prinzipien aus „Als Mensch führen“ im Alltag sichtbar: Verantwortung bleibt beim anderen, und die eigene Energie gehört dorthin, wo man tatsächlich Einfluss hat.
Woher der Dienstagabend-Test stammt
Der Dienstagabend-Test ist einer von neun Übungsteilen aus meinem Buch „Als Mensch führen“. Er beantwortet die Frage, wie viel fremde Verantwortung Sie tragen. Warum Menschen sie überhaupt übernehmen, was sie davon haben und was es sie kostet, steht dort auf 141 Seiten.
Wenn Sie nicht allein damit sitzen wollen
Ein ehrliches Ergebnis ist unangenehm, und der eigene blinde Fleck bleibt auch nach dem zweiten Durchgang blind. Wenn Sie das Ergebnis des Dienstagabend-Tests mit jemandem durchgehen möchten, der widersprechen darf, ist ein Erstgespräch der einfachste Anfang. Es kostet nichts und verpflichtet zu nichts.