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    Der Zahnarzt-Test

    Beim Zahnarzt setzen wir volle Konzentration voraus. Fast die Hälfte unserer Unterbrechungen verursachen wir dagegen selbst. Ein Werkstattbericht über Fokus als Führungsdisziplin, mit Gloria Marks 23-Minuten-Regel, Sophie Leroys „attention residue" und drei sehr konkreten Handgriffen aus einer Coaching-Sitzung.

    Bleistiftzeichnung: ein Zahnarzt hält den laufenden Bohrer bereit und blickt dabei auf sein Smartphone, während der Patient wartet.
    Der Zahnarzt-Test. Volle Aufmerksamkeit erwarten wir dort, wo es wehtut. Bei der eigenen Arbeit lassen wir sie oft ungeschützt.
    Juli 20262 Min. Lesezeit

    Ein Werkstattbericht aus einer Coaching-Sitzung

    Neulich, mitten in einer Coaching-Sitzung, habe ich einen Klienten etwas gefragt: Wäre es für Sie in Ordnung, wenn ich jetzt nebenbei einen Teams-Chat und eine Mail beantworte? Er fand das unpassend. Dann fragte ich, wie es wäre, wenn sein Zahnarzt mit dem Bohrer in der Hand kurz aufs Handy schaut. Da musste er nicht lange überlegen. Meine letzte Frage war die entscheidende: Was ist der Unterschied zu Ihrer eigenen Arbeit? Warum lassen Sie sich dort von Menschen und Mails unterbrechen?

    Es wurde still.

    Volle Aufmerksamkeit, aber bitte nur für andere

    Volle Aufmerksamkeit halten wir für selbstverständlich, wenn andere sie uns schulden, beim Zahnarzt, beim Piloten, beim Chirurgen. Bei der eigenen Führungsarbeit gilt die ständige Unterbrechung dagegen als normal, fast als Zeichen von Wichtigkeit.

    Die Forschung ist hier deutlich. Gloria Mark von der University of California in Irvine hat gemessen, dass es nach einer Unterbrechung im Schnitt rund 23 Minuten dauert, bis der ursprüngliche Konzentrationsgrad wieder erreicht ist. Sophie Leroy nennt den Grund „attention residue": ein Teil der kognitiven Aktivität bleibt an der vorigen Aufgabe hängen, auch wenn man sie längst verlassen hat. Der kurze Blick aufs Handy kostet also weit mehr als die paar Sekunden, die er zu dauern scheint.

    Der eigentliche Punkt: die Hand am Handy ist die eigene

    Der eigentliche Punkt kommt aber erst. Fast die Hälfte unserer Unterbrechungen verursachen wir selbst. Es ist die eigene Hand, die zum Handy greift, der eigene Blick, der ins Postfach wandert. Damit landet das Thema mitten in Ihrem Einflusskreis. Über den Kollegen, der hereinplatzt, haben Sie wenig Macht. Über den reflexhaften Griff zum Bildschirm haben Sie sehr viel.

    Ich habe die Logik des Einflusskreises an anderer Stelle ausführlicher beschrieben, in Wenn der Job wackelt. Hier reicht die Grundfigur: Wer sich fragt, was er selbst in der Hand hat, findet meist mehr, als er zunächst vermutet.

    Drei Handgriffe aus der Praxis

    Aus dieser Einsicht haben wir mit dem Klienten ein paar sehr konkrete Dinge umgesetzt:

    • Outlook öffnet morgens direkt im Kalender, damit der erste Blick des Tages der eigenen Planung gehört.
    • Mails, bei denen er nur in Kopie steht, sortiert ein Assistent vor; durchgesehen werden sie gebündelt in einer festen CC-Stunde am Freitag.
    • Morgens markiert er den Frosch auf der To-do-Liste, die unangenehmste Aufgabe, und nimmt sie sich zuerst vor.

    Das sind kleine Handgriffe. Sie wirken, weil eine Haltung dahintersteht: dass die eigene Aufmerksamkeit ein Gut ist, das Schutz verdient.

    Ein Impuls für Ihre Woche

    Von Ihrem Zahnarzt erwarten Sie, dass er den Bohrer erst weglegt, bevor er aufs Handy schaut. Ihre eigene Arbeit, und die Menschen, die von ihr abhängen, verdienen dieselbe ungeteilte Konzentration.

    Fragen Sie sich in dieser Woche einmal am Tag: Welche Unterbrechung habe ich gerade selbst ausgelöst, und was hätte sie ausgehalten, um zehn Minuten zu warten?

    Häufige Fragen

    Was ist der Zahnarzt-Test?
    Eine einfache Frage aus dem Coaching: Wäre es für Sie in Ordnung, wenn Ihr Zahnarzt mit dem Bohrer in der Hand kurz aufs Handy schaut? Die spontane Antwort ist Nein. Der Test überträgt diese Klarheit auf die eigene Führungsarbeit und macht sichtbar, wie selbstverständlich wir uns dort unterbrechen lassen, wo wir bei anderen volle Konzentration einfordern.
    Was besagt Gloria Marks 23-Minuten-Regel?
    Gloria Mark von der University of California in Irvine hat gemessen, dass es nach einer Unterbrechung im Schnitt rund 23 Minuten dauert, bis der ursprüngliche Konzentrationsgrad wieder erreicht ist. Der kurze Blick aufs Handy kostet also weit mehr als die paar Sekunden, die er zu dauern scheint.
    Was meint Sophie Leroy mit „attention residue"?
    Sophie Leroy hat gezeigt, dass ein Teil der kognitiven Aktivität an der vorigen Aufgabe hängen bleibt, auch wenn man sie längst verlassen hat. Dieser Rückstand („attention residue") erklärt, warum wechselnde Aufgaben selbst dann Qualität kosten, wenn die eigentliche Unterbrechung nur eine Minute gedauert hat.
    Was kann ich morgen konkret ändern?
    Drei Handgriffe aus der Praxis: Outlook morgens direkt im Kalender öffnen, damit der erste Blick der eigenen Planung gehört. CC-Mails vom Assistenten vorsortieren lassen und gebündelt in einer festen CC-Stunde am Freitag durchsehen. Und die unangenehmste Aufgabe („den Frosch") gleich am Morgen zuerst erledigen.

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