Wenn Zusagen nicht eingehalten werden: Fragen, die Verantwortung lassen
Wenn eine Zusage wiederholt ausbleibt, wächst der Impuls, die Aufgabe selbst zu übernehmen. Lösungsorientierte Fragen und die Haltung des Nicht-Wissens öffnen einen dritten Weg: Der Mitarbeiter entwickelt den Weg selbst und formuliert eine überprüfbare Zusage.

Eine Klientin schilderte mir kürzlich eine Situation, die vielen Führungskräften vertraut sein dürfte. Einer ihrer Mitarbeiter hatte zugesagt, eine bestimmte Leistung zu erbringen. Die Zusage blieb aus. Beim zweiten Mal wiederholte sich das Muster. Beim dritten Mal saß sie mir gegenüber und fragte sich, wie sie das ansprechen sollte, ohne die Sache am Ende selbst zu übernehmen.
Ihre Unsicherheit war nachvollziehbar. Sie wollte Verbindlichkeit herstellen und gleichzeitig vermeiden, stärker zu kontrollieren oder dem Mitarbeiter die Aufgabe faktisch abzunehmen. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich viele Führungssituationen: mehr Druck auf der einen Seite, stille Übernahme der Verantwortung auf der anderen.
Wenn etwas mehrfach nicht funktioniert, wächst der Impuls, einzugreifen. Prioritäten werden vorgegeben, Termine gesetzt, Kontrollpunkte eingezogen, Lösungswege entworfen. Das wirkt tatkräftig und entlastet kurzfristig. Es verschiebt aber etwas Grundlegendes, das sich später bemerkbar macht. Genau an diesem Punkt lohnt sich ein anderer Weg.
Die Lösung nicht schon kennen
In systemisch geprägter Arbeit gibt es dafür eine Haltung, die auf den ersten Blick paradox klingt und die man als Nicht-Wissen bezeichnet. Gemeint ist damit weder, als Führungskraft keine Meinung zu haben, noch, Verantwortung abzugeben. Gemeint ist die bewusste Entscheidung, nicht automatisch davon auszugehen, die Lösung bereits zu kennen und liefern zu müssen.
Wer diese Haltung einnimmt, unterstützt das Gegenüber dabei, selbst einen gangbaren Weg zu entwickeln. Die Verantwortung für diesen Weg bleibt dort, wo die Aufgabe liegt, beim Mitarbeiter. Das klingt nach einem Verzicht, ist aber eher eine Verlagerung des eigenen Beitrags. Die Führungskraft steuert weiterhin, nur auf einer anderen Ebene. Sie steuert den Denkprozess und überlässt das Ergebnis dem Mitarbeiter.
Ein Gespräch, das den Weg beim Mitarbeiter lässt
Wie das konkret aussieht, lässt sich an einem Gesprächsverlauf zeigen. Die Fragen sind durchgängig nach vorne gerichtet, auf Handlungsmöglichkeiten und den nächsten Schritt.
Führungskraft: „Wie weit bist du bei Projekt X?"
Mitarbeiter: „Ich komme nicht so richtig voran."
Führungskraft: „Was brauchst du, um weiterzukommen?"
Mitarbeiter: „Ich bräuchte mehr Zeit."
Führungskraft: „Wie könntest du dir diese Zeit schaffen?"
Mitarbeiter: „Dann müsste ich andere Dinge depriorisieren."
Führungskraft: „Wie könntest du das machen?"
Mitarbeiter: „Ich müsste entscheiden, welche meiner Projekte gerade weniger wichtig sind."
Führungskraft: „Welche sind das?"
Schritt für Schritt entsteht hier eine Lösung. Sie stammt aber nicht von der Führungskraft. Der Mitarbeiter entwickelt sie selbst, geführt durch Fragen, die jeweils den nächsten Denkschritt öffnen.
Der Effekt hängt an der Richtung der Fragen. Wer fragt, was jemand braucht, welche Möglichkeiten er sieht oder wie er sich Zeit schaffen kann, richtet die Aufmerksamkeit auf den Handlungsspielraum. Die vertraute Alternative, nach den Gründen des Scheiterns zu fragen, führt in die entgegengesetzte Richtung. Sie zieht die Aufmerksamkeit auf Ursachen und Rechtfertigungen und verkleinert den Raum, in dem der Mitarbeiter aktiv werden kann. Beide Fragetypen wirken höflich, sie erzeugen jedoch grundverschiedene Gespräche.
Eine Lösung ist noch keine Zusage
Ein möglicher Weg ist noch keine Verbindlichkeit. Lösungsorientierung meint keine Unverbindlichkeit. Sobald der Mitarbeiter eine Idee gefunden hat, geht es darum, aus dieser Idee ein konkretes Commitment werden zu lassen. Das Gespräch geht deshalb weiter.
Mitarbeiter: „Dann mache ich es am Montag."
Führungskraft: „Wie stellst du sicher, dass du es am Montag machst?"
Mitarbeiter: „Montag ist eigentlich schon ziemlich voll."
Führungskraft: „Wie könntest du dir die nötige Zeit freihalten?"
Mitarbeiter: „Ich müsste zwei Termine verschieben und mir einen Blocker setzen."
Führungskraft: „Wann setzt du dir den Blocker?"
Über die Wirkung entscheidet hier der Unterschied zwischen zwei Sätzen. Der Satz „Block dir Montag zwei Stunden" nimmt dem Mitarbeiter den letzten Schritt ab, und die Führungskraft hat damit die Lösung geliefert. Die Frage „Wie stellst du sicher, dass du es am Montag schaffst?" lässt diesen Schritt beim Mitarbeiter. Er entwickelt den Weg selbst und übernimmt damit auch die Verantwortung dafür, dass der Weg trägt.
Von der Absicht zur Verbindlichkeit
Eine allgemeine Aussage wie „Ich kümmere mich darum" oder „Ich mache das nächste Woche" ist noch keine belastbare Vereinbarung. Sie beschreibt eine Absicht. Durch weiteres Fragen wird daraus schrittweise eine Zusage, die überprüfbar ist: was getan wird, wann es geschieht, wie es umgesetzt wird und woran erkennbar sein wird, dass es tatsächlich passiert.
Diese vier Aspekte sind kein Modell und kein neues Werkzeug, das man abarbeitet. Sie beschreiben eher eine Gesprächshaltung. Wer sie verinnerlicht hat, fragt an den richtigen Stellen nach, ohne eine Checkliste im Kopf abzuhaken. So bleibt es ein Dialog auf Augenhöhe.
Warum Führung nicht jedes Problem lösen muss
Viele Führungskräfte sind beruflich vor allem deshalb weit gekommen, weil sie Probleme schnell erkennen und lösen. Diese Stärke ist im Umgang mit Mitarbeitenden zugleich eine Falle. Wer als Führungskraft dauerhaft die Lösungen liefert, bringt dem Umfeld etwas bei, nämlich dass es bei schwierigen Fragen nicht selbst bis zum Ende denken muss. Die Verantwortung wandert dann unmerklich nach oben, und mit ihr die Last. Wie ich selbst zu dieser Einsicht gekommen bin, habe ich in Mein Weg zum Coaching: Probleme nicht stehlen beschrieben.
Lösungsorientierte Fragen verändern diese Dynamik. Sie senden eine mehrschichtige Botschaft. Sie nehmen das Anliegen ernst, sie bieten Unterstützung beim Denken, und sie sprechen dem Mitarbeiter zu, selbst Verantwortung für die Lösung tragen zu können. Diese letzte Ebene ist die wirksamste, denn Zutrauen erzeugt oft genau die Eigenständigkeit, die man sich wünscht.
Verbindlichkeit entsteht nicht schon dadurch, dass eine Führungskraft sie einfordert. Sie wird stärker, wenn ein Mitarbeiter selbst formuliert, was er tun wird, wann er es tun wird, wie er es angeht und woran er merken wird, dass es geschehen ist. In dieser Selbstformulierung liegt der eigentliche Hebel.
Vielleicht liegt die wirksamste Führungsfrage deshalb seltener bei „Was soll ich jetzt tun?" und häufiger bei „Welche Frage hilft meinem Gegenüber, den nächsten Schritt selbst zu formulieren?"
Häufige Fragen
- Was sind lösungsorientierte Fragen in der Führung?
- Lösungsorientierte Fragen richten die Aufmerksamkeit nach vorne, auf Handlungsmöglichkeiten und den nächsten Schritt. Sie unterstützen den Mitarbeiter dabei, selbst einen gangbaren Weg zu entwickeln, etwa mit Fragen wie „Was brauchst du?", „Wie könntest du das erreichen?" oder „Was ist dein nächster Schritt?".
- Wie wird aus einer Absicht eine verbindliche Zusage?
- Eine allgemeine Absicht wie „Ich kümmere mich darum" wird durch weiteres Nachfragen zu einer überprüfbaren Zusage. Entscheidend ist, dass der Mitarbeiter selbst formuliert, was er tut, wann er es tut, wie er es umsetzt und woran erkennbar sein wird, dass es tatsächlich geschieht.
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