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    Nicht jede Lösung beginnt mit dem Warum

    Viele Klienten möchten zuerst verstehen, warum sie sich verhalten, wie sie sich verhalten. Warum die Erklärung selten schon die Veränderung bringt, und mit welcher Frage der Blick nach vorne geht.

    Bleistiftzeichnung: Eine Person mit einem Schlüsselbund steht vor einer geschlossenen Tür und sucht den passenden Schlüssel, während daneben eine zweite Tür weit geöffnet in helles Licht führt, Sinnbild für den Umweg über die Erklärung statt des direkten Wegs zur Lösung.
    Der direkte Weg steht offen. Während nach dem passenden Schlüssel gesucht wird, führt die Tür daneben bereits ins Freie.
    September 20263 Min. Lesezeit

    Eine Szene, die sich in meinen Coaching-Sitzungen regelmäßig wiederholt, unabhängig davon, ob mir eine Nachwuchsführungskraft gegenübersitzt oder ein Geschäftsführer. Der Klient schildert ein Verhalten, das ihn stört. Er wird in Meetings zu schnell laut. Er schiebt unangenehme Gespräche auf. Er kann nicht abschalten. Fast immer folgt im nächsten Satz dieselbe Bewegung. „Ich würde gern verstehen, warum ich das mache.“ Der Blick geht zurück, in die Kindheit, in frühere Rollen, auf der Suche nach dem einen Grund, der alles erklärt.

    Dieser Wunsch ist nachvollziehbar. Wir sind darin geübt, Ursachen zu suchen. In technischen und in betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen ist das eine Stärke. Wer die Ursache eines Fehlers kennt, kann ihn abstellen. Diese Logik übertragen wir auf uns selbst und gehen davon aus, dass wir ein Verhalten erst dann ändern können, wenn wir seinen Ursprung durchschaut haben. Verstehen erscheint als Vorstufe der Veränderung, als hätten wir ohne die Diagnose keinen Zugriff auf die Therapie.

    Was de Shazer beobachtet hat

    Genau hier lohnt ein Blick auf eine Beobachtung, die zunächst irritiert. Steven de Shazer, der Ende der 1970er Jahre mit Insoo Kim Berg am Brief Family Therapy Center in Milwaukee die lösungsorientierte Kurztherapie begründete, stellte etwas fest, das der vertrauten Ursache-Wirkung-Logik widerspricht. Der Weg zu einer Lösung muss nicht durch die Ursache des Problems führen. Beide hängen loser zusammen, als wir annehmen. Man kann ein Muster verändern, ohne seinen Ursprung vollständig verstanden zu haben.

    De Shazer und Berg hatten in ihrer Arbeit bemerkt, dass ein großer Teil klassischer Gespräche damit verging, Symptome, Probleme und deren Herkunft zu analysieren, während die eigentliche Veränderung oft an ganz anderer Stelle entstand, nämlich dort, wo Klienten anfingen, über einen möglichen Wunschzustand und über bereits vorhandene Ausnahmen zu sprechen. Aus dieser Beobachtung wurde einer ihrer bekanntesten Sätze: Reden über Probleme erzeugt Probleme, Reden über Lösungen erzeugt Lösungen. Die Aufmerksamkeit, so ihre Erkenntnis, formt das Ergebnis mit. Wer lange genug in der Ursache verweilt, vertieft die Rille, in der das Problem läuft.

    Ursachen sind damit nicht bedeutungslos. Die Erklärung ist trotzdem selten der Hebel, für den wir sie halten. Sie befriedigt ein Bedürfnis nach Ordnung. Ob sie die gewünschte Veränderung herbeiführt, ist eine andere Frage.

    Die Frage, die den Blick nach vorne dreht

    Ich nehme den Wunsch nach Erklärung deshalb ernst, ohne ihm sofort zu folgen. Bevor wir gemeinsam in die Vergangenheit schauen, stelle ich eine Frage, die den Wunsch selbst untersucht. „Mal angenommen, Sie finden die Erklärung, nach der Sie suchen. Was wird dann möglich?“

    Die Frage borgt sich das hypothetische „Mal angenommen“ aus der lösungsorientierten Tradition, wo es meist ein fernes Wunder ausmalt, und richtet es auf die Erklärung selbst, die der Klient sucht. Sie zwingt zu nichts. Sie öffnet nur einen Raum hinter dem eigentlichen Anliegen.

    Die Antworten sind fast immer aufschlussreich. Ein Klient sagte kürzlich: „Dann könnte ich gelassener bleiben.“ In diesem Satz liegt bereits das wahre Ziel. Gesucht war die Gelassenheit, und die Erklärung war nur der Weg, auf dem er sie zu finden hoffte. Meine Anschlussfrage ist dann schlicht. „Wollen wir nicht gleich an der Gelassenheit arbeiten?“

    Die Antwort ist überwiegend ein Ja. In dem Moment, in dem das eigentliche Ziel sichtbar wird, verliert der Umweg über die Ursache seine Dringlichkeit. Der Klient merkt selbst, dass er die Gelassenheit nicht erst erklären muss, um an ihr zu arbeiten.

    Wenn die Antwort doch einmal Nein ist

    Manchmal kommt ein Nein. Der Klient spürt, dass ihm das Verstehen wirklich wichtig ist, und will es nicht überspringen. Diesen Einwand respektiere ich, denn er trägt eine Information. In diesem Fall erläutere ich de Shazers Erkenntnis offen: dass die Ursache und die Lösung weniger fest miteinander verbunden sind, als es sich anfühlt, und dass wir uns die Arbeit an der Veränderung nicht durch eine noch ausstehende Erklärung verstellen müssen. Häufig genügt dieses Wissen, um die Ursachensuche von einer Bedingung zu einem Begleiter zu machen. Wir dürfen verstehen wollen und gleichzeitig handeln.

    Bleibt der Wunsch nach dem Grund auch dann bestehen, folge ich ihm ein Stück, achte aber darauf, dass wir nicht in ihm hängen bleiben. Der Prüfstein ist immer dieselbe Frage. Bringt uns das Verstehen näher an das, was möglich werden soll, oder ersetzt es die Bewegung dorthin?

    Vielleicht liegt die eigentliche Frage im Coaching deshalb seltener bei „Warum bin ich so geworden?“ und häufiger bei „Was möchte ich können, und was hindert mich heute daran?“ Die erste Frage kann ein Leben lang beschäftigen. Die zweite lässt sich beantworten, und meistens früher, als der Wunsch nach der Erklärung vermuten lässt.

    Häufige Fragen

    Warum arbeiten Sie im Coaching nicht zuerst an den Ursachen meines Verhaltens?
    Der Wunsch, die Ursache zu verstehen, ist nachvollziehbar. Nach der lösungsorientierten Arbeit von Steven de Shazer hängen Ursache und Lösung aber loser zusammen, als es sich anfühlt. Ein Muster lässt sich oft verändern, ohne seinen Ursprung vollständig durchschaut zu haben. Deshalb prüfe ich zuerst mit einer einfachen Frage, was möglich würde, wenn die Erklärung gefunden wäre. Meist zeigt sich darin das eigentliche Ziel, und an diesem Ziel arbeiten wir dann direkt.
    Was ist lösungsorientiertes Coaching?
    Lösungsorientiertes Coaching geht auf die lösungsorientierte Kurztherapie von Steven de Shazer und Insoo Kim Berg zurück. Es richtet den Blick nach vorne, auf ein mögliches Ziel, auf vorhandene Ressourcen und auf den nächsten machbaren Schritt. Die Aufmerksamkeit gilt dem Aufbau einer Lösung, und die ausführliche Analyse der Problemgeschichte tritt in den Hintergrund.
    Was, wenn ich die Ursache trotzdem verstehen möchte?
    Dieser Wunsch ist legitim, und er trägt eine Information. Verstehen und Handeln schließen sich nicht aus, wir dürfen beides zugleich. Der Prüfstein bleibt dieselbe Frage: Bringt uns das Verstehen näher an das, was möglich werden soll, oder tritt es an die Stelle der Bewegung dorthin?

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