Der Ort, an dem wir zuletzt nach Antworten suchen
Eine alte Parabel über den inneren Frieden trifft ein systemisches Prinzip: Wenn im Außen etwas feststeckt, liegt der zuverlässigste Hebel in der eigenen Verfassung und im eigenen Verhalten.

Es gibt eine alte Parabel, die Richard Schwartz, der Begründer der Internal-Family-Systems-Arbeit, gern erzählt. Die Götter hätten einst über den inneren Frieden beraten, ein so kostbares Gut, dass sie es vor dem sorglosen Zugriff der Menschen verbergen wollten. Der erste Vorschlag lautete, ihn auf den höchsten Berg zu legen, doch dort, so die Sorge, würden die Menschen ihn eines Tages finden. Der zweite, ihn im tiefsten Wald zu verstecken, scheiterte am selben Einwand. Der weiseste der Götter schlug schließlich vor, den inneren Frieden in die Menschen selbst zu legen, denn dort würden sie zuletzt suchen.
Die Geschichte beschreibt eine Bewegung, die mir in der Arbeit mit Führungskräften immer wieder begegnet. Jemand verantwortet ein großes Vorhaben und spürt Widerstand aus vielen Richtungen. Stakeholder blockieren, ziehen nicht mit, stellen Fragen, die sich wie Misstrauen anfühlen. Der Blick richtet sich ganz nach außen, auf die Menschen, die im Weg zu stehen scheinen, und die Frage, die mit ins Coaching kommt, lautet fast immer gleich. Wie verschaffe ich mir gegen diesen Widerstand die richtige Position. Es ist die Suche nach einer Antwort, und sie richtet sich zunächst überallhin, nur nicht dorthin, wo sie sich am ehesten findet.
Widerstand als gemeinsam erzeugtes Muster
Diese Frage führt selten dorthin, wo die Lösung liegt, weil sie den Widerstand für ein Wetterereignis hält, dem man mit der richtigen Taktik begegnet. In der systemischen Sicht sieht das anders aus. Ein wiederkehrendes Muster zwischen Menschen ist immer gemeinsam erzeugt, jeder Beitrag ruft den nächsten hervor. Wer sich gegen Widerstand in Position bringt, liefert dem Gegenüber genau die Fläche, an der es sich reiben kann, und der Tanz setzt sich fort.
In solchen Situationen beginne ich die Arbeit gern mit einer Erkundung dessen, was an innerer Kompetenz schon vorhanden ist. Manche kennen diesen Zugang als Arbeit mit einem inneren Mentor, einer Instanz in uns, die eine ähnliche Lage bereits ruhig und klar durchschritten hat. Von dort aus wird die eigentliche Frage zugänglich, nämlich welche inneren Anteile am Werk sind, wenn ich Widerstand spüre.
Was unter dem schützenden Anteil liegt
Was sich dann oft zeigt, ist ein schützender Anteil, der auf Position und Verteidigung drängt. Er meint es gut, er will Sicherheit und die Kontrolle über ein Vorhaben halten, für das man geradesteht. Unter ihm liegt meist ein anderes Bedürfnis, das nach Verbindung, nach Vertrauen, nach dem Gefühl, mit den Menschen zu arbeiten. Sobald dieser tiefere Wunsch wieder Raum bekommt, verändert sich die Haltung, mit der jemand in den Raum tritt.
Die Antwort, die daraus entsteht, überrascht die Betreffenden oft selbst. Der nächste Schritt trägt nichts Taktisches mehr, er besteht in der schlichten Entscheidung, den persönlichen Kontakt zu suchen, den Menschen zuzuhören, in das einzuzahlen, was Stephen Covey das emotionale Bankkonto genannt hat. Der Widerstand verliert seine Reibungsfläche, weil die Haltung, an der er sich entzündet hatte, nicht mehr dieselbe ist.
Die eigene Veränderung als zuverlässigster Hebel
Hier trifft die Parabel auf ein systemisches Prinzip, das ich in vielen Coaching-Sitzungen bestätigt sehe. Wenn wir in einer festgefahrenen Lage etwas bewegen wollen, ist die eigene Veränderung der zuverlässigste Hebel, den wir in der Hand haben. Das Gegenüber lässt sich nur selten direkt umstimmen. Was in unserer Reichweite bleibt, ist die eigene Verfassung und die eigene Reaktion. Sobald ich meinen Anteil an einem Muster verlässlich verändere, kann das Gegenüber den alten Tanz nicht in gleicher Weise weitertanzen, weil ein Tänzer die Schritte gewechselt hat. Das Muster verschiebt sich mit Sicherheit, wohin es sich verschiebt, bleibt der gemeinsamen Bewegung überlassen. Die Antwort auf eine Lage im Außen liegt damit oft an dem Ort, an den wir zuletzt schauen.
Der innere Frieden, von dem die Parabel spricht, wirkt deshalb nach außen. Er schafft die Verfassung, aus der heraus eine andere Präsenz im gemeinsamen Feld möglich wird. Wer aus einem ruhigen, klaren Zustand führt, verändert die Art, wie er im Raum steht, und das System antwortet auf diese veränderte Präsenz. Der Mut, den das verlangt, ist ein leiser. Er richtet den ersten Blick dorthin, wo wir gewöhnlich zuletzt suchen, und findet dort die Antwort, die im Außen nicht zu holen war.
Weiterführendes
- IFS im Coaching: ein Erfahrungsbericht – wie die Arbeit mit inneren Anteilen im Coaching konkret abläuft.
- Das emotionale Bankkonto in der Führung – warum Einzahlungen in die Beziehung Widerstand auflösen.
- Ich möchte vs. man müsste – warum die Verantwortungsfrage Bewegung erzeugt.
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