Führung

    Was der Jakobsweg über Zusammenarbeit lehrt

    Auf dem Camino helfen sich Fremde, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Der Ethnologe Victor Turner nannte das Communitas. Was den Weg anders macht als den Alltag und welche seiner Bedingungen Führung in Teams übertragen kann.

    Bleistiftzeichnung: Vier Pilger mit Rucksäcken und Muscheln stehen und sitzen auf dem Platz vor der Kathedrale von Santiago de Compostela und blicken hinauf zur Fassade, Sinnbild für die gemeinsame Ankunft nach der letzten Etappe.
    Alle angekommen. Auf dem Platz vor der Kathedrale von Santiago bündeln sich die vielen Etappen und Abende des Weges.
    Oktober 20265 Min. Lesezeit

    Im Herbst 2026 bin ich den Camino Inglés gelaufen, den „englischen Jakobsweg“ von Ferrol an der Nordküste Spaniens nach Santiago de Compostela. Unterwegs war ich mit Menschen zwischen 21 und 75 Jahren, Frauen und Männern aus Singapur, Italien, den USA, der Ukraine und Spanien. Woher jemand kommt, ob jemand viel oder wenig besitzt, ob jung oder alt, spielte keine erkennbare Rolle. Die Menschen waren freundlich zueinander und halfen sich. Ein Moment, den ich selbst erlebt habe, und eine Geschichte, die ich in Santiago hörte, sind mir besonders geblieben.

    Beim Abendessen saß ich mit anderen Pilgern am Tisch, darunter zwei Frauen, die sich gerade erst kennengelernt hatten. Eine von ihnen war besorgt. Auf einem der nächsten Abschnitte hat die örtliche Herberge nur zwanzig Betten, reservieren kann man nicht, und auf dem Weg waren deutlich mehr Pilger unterwegs. Die andere sagte spontan, sie habe eine private Unterkunft, und bot ihr an, bei ihr zu übernachten.

    In Santiago hörte ich die Geschichte eines sehbehinderten Pilgers, der den Camino Portugués gelaufen war. Unterwegs hatte er große Probleme mit Blasen an den Füßen, die er selbst kaum sehen und deshalb nicht versorgen konnte. Das übernahmen andere aus seiner zufällig entstandenen Pilgergruppe, Menschen, die ihn vor dem Weg nicht gekannt hatten.

    Seitdem beschäftigt mich eine Frage. Warum gelingt auf dem Weg so selbstverständlich, was uns im Alltag, in Teams und Organisationen, oft so schwerfällt?

    Was den Weg anders macht

    Der Ethnologe Victor Turner hat für dieses Phänomen einen Begriff geprägt, den er unter anderem an Pilgerfahrten entwickelt hat: Communitas. Menschen verlassen ihre gewohnte Ordnung und treten in einen Zwischenzustand ein, in dem Status, Rolle und Herkunft an Gewicht verlieren. Auf dem Camino lässt sich das sehr konkret beobachten. Alle tragen Rucksack und Wanderschuhe, niemand weiß, welche Position der andere zu Hause bekleidet, und alle kämpfen mit denselben Steigungen und denselben Blasen. Die Anstrengung ist sichtbar und geteilt, das Ziel ist gemeinsam, und es gibt kaum etwas, um das man miteinander konkurriert. Selbst das knappe Bett in der Herberge wurde in der ersten Szene zur Gelegenheit für Großzügigkeit.

    Hinzu kommt die Zeitlichkeit. Man begegnet sich für einige Tage, ohne künftige Abhängigkeiten und ohne einen Ruf, den man verwalten müsste. Ein kleines Ritual wie der Gruß „Buen Camino“ rahmt jede Begegnung von vornherein freundlich.

    Zum Rhythmus des Weges gehört außerdem der Abend. Jede Etappe endet mit einem erreichten Ziel, und in den Restaurants und Bars der meist kleinen Orte kommen die Pilger zusammen und feiern gemeinsam, dass sie angekommen sind. Diese Abende sind ein wesentlicher Teil dessen, was die Gemeinschaft und das Gefühl des Pilgerns ausmacht. Ihren Höhepunkt findet diese Erfahrung auf dem Platz vor der Kathedrale in Santiago de Compostela. Die gemeinsame Ankunft dort, wenn alle es geschafft haben, war für mich ein erhebender Moment, in dem sich die vielen Etappen und Abende bündelten.

    Was in uns geschieht

    Aus Sicht der Internal Family Systems lässt sich das noch genauer beschreiben. In jedem von uns gibt es Anteile, deren Aufgabe der Schutz ist. Sie achten auf Bewertung, auf Konkurrenz, auf mögliche Gesichtsverluste, und im Arbeitsalltag haben sie viel zu tun, weil Rollen, Ziele und Hierarchien tatsächlich Risiken bergen. Auf dem Weg fallen viele dieser Signale weg. Die Beschützer dürfen zurücktreten, und darunter zeigt sich, was ohnehin in uns angelegt ist: Zuwendung, Neugier, die Bereitschaft, einem Fremden die Füße zu verbinden. Die Freundlichkeit der Pilger entsteht so gesehen aus Sicherheit. Sie wird möglich, sobald Menschen sich sicher genug fühlen.

    Wo der Vergleich an Grenzen stößt

    Ehrlicherweise muss man zwei Einschränkungen machen. Wer den Camino geht, bringt Offenheit oft schon mit; der Weg wählt seine Menschen ein Stück weit aus. Zudem lebt Communitas davon, dass sie endet. Im Unternehmen arbeiten wir über Jahre zusammen, verteilen Budgets, entscheiden über Beförderungen und tragen echte Interessenkonflikte aus. Diese Spannungen lassen sich nicht wegwünschen. Gerade deshalb lohnt der genaue Blick darauf, welche Bedingungen des Weges sich trotzdem übertragen lassen.

    Was Führung übernehmen kann

    Ein gemeinsames Ziel, das alle spüren, verbindet stärker als eines, das nur im Strategiepapier steht. Wer als Teamleitung oder Geschäftsführung das Ziel immer wieder greifbar macht, schafft etwas von der Ausrichtung des Weges auf Santiago. Ebenso wirkt geteilte, sichtbare Anstrengung. Führungskräfte, die in schwierigen Phasen präsent sind und mittragen, senken die Distanz, die Hierarchie sonst erzeugt.

    Auf dem Weg gilt zudem ein Leistungsprinzip, das sehr menschlich ausgelegt wird. Jede und jeder läuft den Camino so, wie es die eigenen Kräfte zulassen. Manche lassen ihren Rucksack von Herberge zu Herberge transportieren, andere nehmen für ein paar Kilometer ein Taxi, wenn ein Anstieg sehr steil wird. Die Leichtigkeit der abendlichen Pilgerrunden ruht dennoch auf dem Wissen jedes Einzelnen, die eigene Etappe aus eigener Kraft bewältigt zu haben. Zugehörigkeit speist sich hier aus dem eigenen Beitrag, und der Maßstab dafür ist das persönlich Mögliche. Für Teams liegt darin eine wertvolle Chance. Wer erwartet, dass alle ihren Teil leisten, und zugleich anerkennt, dass dieser Teil unterschiedlich groß ausfallen darf, schafft eine Gemeinschaft, in der Leistung zählt und Unterstützung niemanden beschämt.

    Eng damit verbunden ist das gemeinsame Feiern. Auf dem Camino wird jeden Abend gewürdigt, was an diesem Tag geschafft wurde, und die Feier hat ihren Wert gerade deshalb, weil sie auf dem eigenen Beitrag ruht. In vielen Organisationen wird erst am Ende großer Vorhaben innegehalten, wenn überhaupt. Wer Ziele in überschaubare Etappen gliedert und das Erreichen jeder Etappe gemeinsam würdigt, gibt dem Team regelmäßig das Gefühl des Ankommens. Dafür braucht es keinen großen Rahmen; ein gemeinsames Essen nach einem Meilenstein kann genügen. Ist das große Ziel erreicht, verdient es einen eigenen Moment, so wie die Ankunft auf dem Platz vor der Kathedrale. Seine Kraft entsteht daraus, dass alle angekommen sind und niemand zurückgelassen wurde.

    Hilfreich ist es auch, sichtbare Statusunterschiede zu verringern. Status lässt sich bewusst zurücknehmen, in Besprechungen, in der Sitzordnung, in der Sprache, in kleinen Gesten. Rituale wie ein fester Moment der Wertschätzung am Ende einer Woche können ähnlich rahmen wie der Gruß unter Pilgern. Hilfe annehmen sollte dabei so normal sein wie Hilfe geben. Der Pilger mit den Blasen konnte seine Füße nur versorgen lassen, weil er seine Grenze zeigen durfte. Amy Edmondson nennt die Bedingung dafür psychologische Sicherheit: das Vertrauen, dass man sich in einer Gruppe verletzlich zeigen kann, ohne dafür bestraft zu werden.

    Das Wesentliche liegt vielleicht in der Haltung dahinter. Wer führt, prägt maßgeblich, wie viel Schutz die Menschen im Team brauchen. Je weniger sie sich verteidigen müssen, desto mehr von dem, was ich auf dem Camino erlebt habe, wird auch im Alltag möglich. Vielleicht ist genau das gemeint, wenn wir davon sprechen, als Mensch zu führen.

    Weiterführendes

    Häufige Fragen

    Was bedeutet Communitas?
    Communitas ist ein Begriff des Ethnologen Victor Turner. Er beschreibt die Gemeinschaft, die entsteht, wenn Menschen ihre gewohnte Ordnung verlassen und in einen Zwischenzustand eintreten, in dem Status, Rolle und Herkunft an Gewicht verlieren. Turner hat das Konzept unter anderem an Pilgerfahrten entwickelt.
    Was können Führungskräfte vom Jakobsweg lernen?
    Mehrere Bedingungen des Weges lassen sich übertragen: ein gemeinsames Ziel, das alle spüren, sichtbar geteilte Anstrengung, ein Leistungsverständnis, das den eigenen Beitrag am persönlich Möglichen misst, das gemeinsame Feiern erreichter Etappen, zurückgenommener Status und psychologische Sicherheit, in der Hilfe annehmen so normal ist wie Hilfe geben.
    Warum fällt Zusammenarbeit im Arbeitsalltag schwerer als auf dem Camino?
    Aus Sicht der Internal Family Systems sind im Arbeitsalltag schützende innere Anteile stärker gefordert, weil Rollen, Ziele und Hierarchien echte Risiken bergen. Hinzu kommen langfristige Abhängigkeiten und Interessenkonflikte. Auf dem Weg fallen viele dieser Signale weg, und Zuwendung und Hilfsbereitschaft können sich zeigen. Führung beeinflusst maßgeblich, wie viel Schutz Menschen im Team brauchen.

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